Fünf Jahre später sind überdurchschnittlich oft die Betroffenen weg. Die Täter sind noch da.

Das Wichtigste in 30 Sekunden:

→ Betroffene von Mobbing tragen über fünf Jahre ein deutlich erhöhtes Risiko, den Arbeitgeber zu wechseln, arbeitslos zu werden oder ganz aus dem Erwerbsleben auszuscheiden (Glambek et al., 2015).

→ Täter zeigen in derselben Forschungsreihe kein erhöhtes Risiko, ihre Stelle tatsächlich zu verlieren — sie bleiben (Glambek et al., 2016).

→ Für die Organisation heisst das: doppelter Verlust. Wer geht, ist oft leistungsstark. Was bleibt, ist ein Verhaltensmuster, das sich wiederholt. Der Hebel liegt im Prozess, nicht in Appellen.

Was die Bergen-Studien zeigen

Mobbing entscheidet mit darüber, wer eine Organisation verlässt — nur nicht so, wie man es sich wünschen würde. Die Forschungsgruppe um Ståle Einarsen an der Universität Bergen hat einer national repräsentativen Stichprobe über fünf Jahre und drei Messzeitpunkte hinweg zwei Fragen gestellt — und beide beantwortet.

Erste Frage: Was passiert mit den Betroffenen? Die Studie «Take it or leave» (Glambek, Skogstad & Einarsen, 2015) zeigt: Wer zu Beginn Mobbing ausgesetzt war, trägt fünf Jahre später ein deutlich erhöhtes Risiko für Arbeitgeberwechsel, Arbeitslosigkeit und Invalidenrenten-Bezug. Die Forschenden nennen das «expulsion in working life» — Verdrängung aus dem Erwerbsleben. Nicht nur aus der Stelle. Aus dem Arbeitsmarkt.

Zweite Frage, ein Jahr später publiziert, der Titel ist Programm: «Do the bullies survive?» (Glambek, Skogstad & Einarsen, 2016). Die Gegenprobe mit denselben Daten: Täter berichten zu Beginn zwar häufiger Wechselabsichten und Absenzen — aber über fünf Jahre zeigt sich kein erhöhtes Risiko, tatsächlich auszuscheiden. Die Antwort auf die Titelfrage lautet: Ja. Sie überleben. Spätere Arbeiten ergänzen den Befund: Täter verfügen im Schnitt über mehr Ressourcen als Betroffene — Position, Netzwerk, Standing.

Warum Organisationen die Falschen verlieren

Weil der Prozess systematisch die falsche Person zum Problem erklärt. Die Eskalationsforschung (Einarsen, Leymann, Zapf) beschreibt den Mechanismus präzise: Betroffene wirken im fortgeschrittenen Stadium zurückgezogen, gereizt, unkooperativ — genau die Signale, die Vorgesetzte als Leistungs- oder Charakterproblem lesen. Die Dokumentation in der Standardliteratur ist ernüchternd: Management, Kolleginnen und teils sogar Personalvertretungen übernehmen die im Prozess entstandenen Vorurteile und behandeln die betroffene Person als Quelle des Problems.

Das ist selten böser Wille. Es ist ein vorhersagbarer Wahrnehmungsfehler, der ohne Struktur fast zwangsläufig passiert: Die Person, die seit Monaten unter Druck steht, liefert das «schwierige» Verhalten, das die Deutung bestätigt. Die Person, die den Druck erzeugt, wirkt souverän. Der Fehler liegt im Prozess — nicht in den Menschen, die ihn machen.

Was das betriebswirtschaftlich heisst

Mobbing ist keine Befindlichkeitsfrage, es ist eine Kostenposition. Eine finnische Spitalstudie mit Absenzregister-Daten (Kivimäki et al., 2000) fand bei Betroffenen ein um 51 Prozent erhöhtes Risiko ärztlich attestierter Absenzen; britische Daten (Hoel & Cooper) zeigen im Schnitt sieben zusätzliche Krankheitstage pro Jahr. Dazu kommt die Fluktuation: Wer geht, hinterlässt eine Vakanz samt Neubesetzungsrisiko — und eine Fehlbesetzung kostet je nach Position CHF 80'000 bis 280'000. Der Täter, der bleibt, wiederholt das Muster derweil mit den Nächsten.

Zur Grössenordnung: Je nach Messkriterium berichten 3 bis 4 Prozent der Beschäftigten von Mobbing nach strengen wöchentlichen Kriterien, 8 bis 15 Prozent nach breiteren — genug, dass es statistisch auch im eigenen Haus stattfindet, während niemand darüber spricht.

Drei Hebel, die den Prozess ändern

1

Führung, die hinschaut

Laissez-faire-Führung — wegschauen, aussitzen, «die sollen das unter sich klären» — gehört zu den stärksten organisationalen Prädiktoren für Mobbing (Skogstad, Einarsen-Gruppe). Wer Konflikte aussitzt, züchtet sie. Mehr dazu: warum Aussitzen der teuerste Führungsstil ist.

2

Ein definierter Prozess statt Einzelfall-Improvisation

Klarer Meldeweg, Dokumentation, beide Seiten getrennt und strukturiert anhören. Struktur schützt vor dem Glaubwürdigkeits-Gefälle: Sie zwingt dazu, Verhalten zu prüfen statt Eindrücke. Dasselbe Prinzip, das strukturierte Interviews im Recruiting valider macht, macht auch Konfliktklärung fairer.

3

Austritte als Datenquelle nutzen

Wer geht, weiss warum — wenn man fragt und Antworten aushält. Systematische Austrittsgespräche und regelmässige Team-Pulsmessungen zeigen Muster, bevor die dritte Leistungsträgerin kündigt. Die teuerste Information ist die, die mit der Kündigung das Haus verlässt.

Die eine Frage, die bleibt:

Wer hat Ihre Organisation in den letzten zwei Jahren verlassen — und wie sicher wissen Sie, warum wirklich?

Quellen: Glambek, Skogstad & Einarsen (2015), Industrial Health, 53, 160–170 · Glambek, Skogstad & Einarsen (2016), Industrial Health, 54, 68–73 · Einarsen, Hoel, Zapf & Cooper (2003), Bullying and Emotional Abuse in the Workplace · Kivimäki, Elovainio & Vahtera (2000), Occupational and Environmental Medicine.

Verliert Ihr Team gerade die Falschen?

30 Minuten, kein Verkaufsgespräch. Sie schildern die Situation, ich höre zu — dann Klartext. Oft ist das, was aussieht wie eine schwierige Person, ein Prozess, der die falschen Signale belohnt. Und Prozesse lassen sich ändern.

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