Das Wichtigste in 30 Sekunden:
→ Bei einer «Living Library» leihen sich Besuchende für ein Gespräch Zeit statt ein Buch — mit Menschen, deren Lebensrealität sonst oft unsichtbar bleibt.
→ Mein «Buch» hiess «Endlich ein Name dafür»: Thema ADHS im Alltag und im Berufsleben.
→ Die Fragen waren einfach und direkt, ohne Fachjargon — genau das macht sie schwer zu beantworten.
→ Ehrliches Interesse von Fremden wirkt anders als Verständnis im engsten Kreis. Beides zählt, aber unterschiedlich.
→ Die berufliche Parallele: Räume schaffen, in denen Fragen erlaubt sind, bevor Missverständnisse entstehen.
Vor Kurzem war ich für einen Tag «Buch» in einer Living Library an einer Schweizer Fachhochschule. Man konnte mich zu fast allem rund um ADHS fragen. Wie ein Blind Date oder Speed Date, nur eben anders.
Ein Buch, das man befragen darf
Keine Diagnosekriterien, keine Abhandlungen — das kann ich zwar auch, aber darum ging es nicht. Sondern direkte, grundlegende Fragen, auf die ich selbst nie komme, weil in meinem Kopf alles einfach «normal» ist.
Zum Beispiel: Welche Lernstrategien ich als Kind hatte. Musste ich passen, ehrlich gesagt — das habe ich erst im Studium herausgefunden. Oder: Mit wem ich als Jugendlicher darüber reden konnte. Die ehrliche Antwort: mit niemandem.
Fragen, auf die ich selbst nie gekommen wäre
Genau das ist der Effekt eines Formats wie diesem: Die Fragen kommen nicht aus einem Lehrbuch, sondern aus echter Neugier. Sie sind oft einfacher, als man denkt — und gerade deshalb schwerer zu beantworten, weil man selbst nie darüber nachgedacht hat. Was für einen selbst «normal» ist, muss man erst übersetzen, um es für jemand anderen greifbar zu machen.
Warum mich das gerührt hat
In der Abschlussrunde wurde ich nach Feedback gefragt. Ich musste sagen: Ich war richtig gerührt. Ich dachte lange, entweder interessiert es niemanden, oder es nervt, oder man glaubt mir sowieso nicht. Die Einzigen, die mich so okay fanden, wie ich bin, waren meine engsten Leute — Familie, enge Freunde. An diesem Tag haben mir fremde Menschen zugehört, echte Fragen gestellt, einfach so.
Sorge im Kleinen
Das Motto der Veranstaltung war Sorge tragen für Menschen und Umwelt, im Grossen wie im Kleinen. Genau das war es im Kleinen: ein paar Stunden, in denen ehrliche Fragen erlaubt waren, ohne dass jemand urteilen musste. Ich verstehe die Mehrheit ja auch oft nicht — es geht nicht darum, dass eine Seite die andere vollständig versteht, sondern dass beide Seiten aufeinander zugehen.
Was das mit meiner Arbeit zu tun hat
Eigentlich ist es das, was ich teilweise auch beruflich mache: keine Diagnosen erklären, sondern Räume schaffen, in denen Fragen erlaubt sind, bevor Missverständnisse entstehen. In Organisationen passiert oft das Gegenteil — man geht Unsicherheiten aus dem Weg, aus Höflichkeit oder Unsicherheit, und genau dadurch verfestigen sich Missverständnisse, statt dass sie aufgelöst werden.
15 bis 20 Prozent der Belegschaft sind neurodivergent — ADHS, Autismus, Dyslexie. Die meisten Standardprozesse sind nicht für diese Realität gebaut. Ein Format wie eine Living Library löst das nicht strukturell, aber es zeigt etwas Wichtigeres: Wie viel sich ändert, wenn Fragen einfach gestellt werden dürfen.
Wie gehen Sie mit dem Thema Neurodiversität in Ihrer Organisation um?
30 Minuten, kein Verkaufsgespräch. Sie erzählen, wie es bei Ihnen aussieht. Ich höre zu, dann Klartext.