Das Wichtigste in 30 Sekunden:
→ ADHS ist eine Störung (Faraone et al., 2024; Shah et al., 2022).
→ ADHS ist gleichzeitig eine natürliche Variation des Menschen (Sonuga-Barke et al., 2023).
→ Beides ist wahr. In der öffentlichen Debatte geht das unter — als wäre es kompliziert oder ein Richtungskampf.
→ Im Beruf zählt nicht das Etikett, sondern die Passung.
Die Frage, die unter den Tisch fiel
Vor wenigen Wochen durfte ich einem Professor am Ende eines Online-Vortrags zum Thema Neurodiversität eine Frage stellen: «Ist ADHS eine Störung oder eine natürliche Variation?» Er antwortete nur: «Variation.» — und sprang weiter. Ich war erst baff, dann wütend. Warum?
Weil die Antwort zu kurz ist. ADHS ist eine Störung. ADHS ist gleichzeitig eine natürliche Variation der Menschheit, eine besondere Art zu sein. Beides ist wahr. In der öffentlichen Debatte geht das unter, weil es scheinbar kompliziert ist — und weil es teils um Richtungskämpfe geht. Das macht null Sinn, weder aus Forschungs- noch aus persönlicher Erfahrungssicht. Ich schreibe als ADHSler und als einigermassen versierter Psychologe.
ADHS ist eine Störung — die medizinisch-psychologische Sicht
Eine neurobiologische Störung mit klarer klinischer Diagnose. Sie wird vergeben bei klinisch bedeutsamem Leiden oder bei Beeinträchtigung (DSM-5-TR; ICD-11). Das Ziel: Symptome verringern, gut damit leben. Geforscht wird an Entstehung, Verlauf und Hilfe. Die exekutiven Funktionen — Planung, Organisation, Priorisierung — entwickeln sich anders (Faraone et al., 2021).
ADHS im Neurodiversitätsansatz
Neurologische Unterschiede sind natürlich und wertneutral. ADHS — und Autismus ebenso — ist keine Störung, kein Defizit. Wenn es Probleme gibt, dann mit der «neuronormativen» Umwelt, in der die Mehrheit klarkommt. Das ist stärker eine politische und soziale Bewegung als eine medizinische Aussage.
Was mich als ADHSler stört
Nach dem reinen Neurodiversitätsansatz bin ich ganz normal. ADHS ein gesellschaftliches Konstrukt, ein nerviges Modethema. Dass mein präfrontaler Kortex im Scan blitzt wie eine Disco und mein Neurotransmitterhaushalt anders ist als bei 95 Prozent: angeblich völlig normal. Grundlagenforschung zu Genetik und Physiologie? Will man nicht hören. Die Umwelt war nichts für mich — also arbeite halt dran. Medikation fehl am Platz. «Take it easy, Tobias.»
Die medizinisch-psychologische Forschung ist hier klar: eine Neuroentwicklungsstörung (Faraone et al., 2021). Defizit-orientiert — aber sie hilft den Betroffenen. Dass sie soziale Umweltfaktoren lange vernachlässigt hat, stimmt; daran wird gearbeitet (Sonuga-Barke et al., 2023). Und oft redet man über die Köpfe derer hinweg, die damit leben — und als dumm stigmatisiert werden.
Die Synthese
Alle ADHSler sind «neurodivergent». Aber nicht alle Neurodivergenten haben eine klinische Störung. Die Umgebung — die Mehrheit — federt das Leiden ab oder verstärkt es. Behindernd wirkt vor allem der Mismatch mit dem Umfeld (van der Oord, Vanaken & French, 2026). Wenn man weiss, dass es so ist, kann man das zur Kenntnis nehmen und «normal» miteinander umgehen.
Im Beruf heisst das: Passung statt Reparatur
Nicht die Person reparieren, sondern die Passung ansehen. Da fängt Leistung an. Das gilt genauso für Kinder und Jugendliche in der Schule.
Es geht um Akzeptanz. Und dazu muss man wissen.
Quellen
American Psychiatric Association. (2022). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed., text rev.). https://doi.org/10.1176/appi.books.9780890425787
Faraone, S. V., et al. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789–818. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.01.022
Faraone, S. V., et al. (2024). Attention-deficit/hyperactivity disorder. Nature Reviews Disease Primers, 10(1), 11. https://doi.org/10.1038/s41572-024-00495-0
Shah, P. J., Boilson, M., Rutherford, M., Prior, S., Johnston, L., Maciver, D., & Forsyth, K. (2022). Neurodevelopmental disorders and neurodiversity: Definition of terms from Scotland's National Autism Implementation Team. The British Journal of Psychiatry, 221(3), 577–579. https://doi.org/10.1192/bjp.2022.43
Sonuga-Barke, E. J. S., et al. (2023). Annual Research Review: Perspectives on progress in ADHD science — from characterization to cause. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 64(4), 506–532. https://doi.org/10.1111/jcpp.13696
van der Oord, S., Vanaken, G.-J., & French, B. (2026). Can the neurodiversity approach apply to ADHD? Exploring the lived experience of ADHD as neurodivergence. Journal of Attention Disorders. Advance online publication. https://doi.org/10.1177/10870547261459222
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